Diskussionspapier Medienwissenschaft und Digital Humanities (Version 0.3)

(für die 'interne Gliederung' schreibe ich hier mal Absatzüberschriften rein)
Überschrift: Diagnose: Mewi und Digitalität
Die  deutschsprachige Medienwissenschaft hat den digitalen Wandel als  eigenen wissenschaftlichen Gegenstand angenommen, erforscht und  historisch kontextualisiert. Die Entwicklung des Fachs reflektiert zu  einem nicht unerheblichen Teil das eigene medienkulturelle Milieu, das  gerade auch unter den Bedingungen vernetzer Digitalcomputer entstanden  ist. Dabei vermeidet die Medienwissenschaft eine Verkürzung auf rein  gegenwartsbezogene Fragen durch das Einbeziehen historischer  Perspektiven.

Überschrift: Verhältnis Mewi und der Einsatz digitaler Medien 
Den  Vorsprüngen in Sachen Reflexivität steht aber nur teilweise eine  übergreifende Strategie zum Einsatz digitaler Medien im Fach selbst  gegenüber. Zwar vermittelt jeder medienkulturwissenschaftliche  Studiengang Medienkompetenz unter Einsatz umfangreicher  medientechnischer Apparatur. Dennoch ist eine auffällige Zurückhaltung gegenüber genuin „digitalen Methoden“ und dem gesamten Feld der „Digital Humanities“ zu beobachten. Entsprechend baut die Medienwissenschaft kaum eigene virtuelle Forschungsinfrastrukturen auf und bringt sich -- verglichen mit anderen Sozial- und Kulturwissenschaften -- wenig in vorhandenen virtuellen Forschungsinfrastrukturen ein.

Überschrift: Was sind DigiHum und wie ist das Verhältnis zu den Mewis?
Auf der anderen Seite beschränkt sich der Einsatz "digitaler Methoden" in den deutschsprachigen Geisteswissenschaften zum Großteil auf Textkorpora  und bibliographische Metadaten (***Achtung, bin mir nicht sicher, ob das stimmt, insbesondere nicht, ob die Metadaten häufig nach bibliographischer Logik gestrickt sind) sowie der Visualisierung von großen Datenmengen. Der Einsatz und die Entwicklung "digitaler Methoden" zur Auswertung audio-visueller Medienpraktiken und -inhalte sowie die Frage, ob und wie diese Auswertung zu interessanten medienwissenschaftlichen Analysen von Phänomenen digitaler Medienkulturen führt, bleibt unterbelichtet (***ganz schlecht ausgedrückt, hoffe, es wird klar, was ich meine). Darüberhinaus ist noch ungeklärt, wie welche Methoden auf Untersuchungen anzuwenden sind, die zu viel Material/Daten beinhalten, um sie selbst zu sichten und zu wenig, um belastbare statistische Auswertungen vorzunehmen. ***Vielleicht noch: das Verhältnis zwischen Informatik und Digital Humanities ist auch nicht so einfach????

Überschrift: Wir fordern von der Mewi, die Zurückhaltung aufzugeben
Angesichts  der wachsenden Vielfalt digital verfasster Forschungsgegenstände im  Bereich der Software-, Data- und Game-Studies, der kritischen  Internetforschung, der Medienarchäologie und der Sozialtheorie sozialer  Medien sowie der Entwicklung digitaler Analysewerkzeuge sollte diese  Zurückhaltung überdacht werden. Gefragt ist eine produktive und  reflexive Auseinandersetzung mit (empirischen) Methoden, Instrumenten und Theorie der  Digital Humanities. Dabei sollte die Medienwissenschaft anerkennen, dass vielfältige Phänomene digitaler Medienkulturen schlicht zu groß sind, als dass sie mittels Sichtung und Interpretation/Hermeneutik zu erfassen sind. Umgekehrt stellt die Zugänglichkeit zu Daten, ihre (statistische) Auswertung und die  Repräsentation/Visualisierung der Auswertung die Frage  danach, wie sich Evidenzproduktion in der geisteswissenschaftlichen  Arbeit zu digitalen Phänomenen verändert. Gleichermaßen stellt sich die  Frage, inwieweit die akademische Anwendung digitaler Methoden in die Tools eingeschriebene Wissenspolitiken reproduziert. Darüber hinaus stellt sich die Frage der Forschungsethik: Auch wenn durch das Social  Web viele, oftmals personenbezogene Daten vermeintlich "frei" zugänglich  sind, müssen auch für den Einsatz digitaler Methoden neben den  gesetzlichen Bestimmungen die forschungsethischen Standards der  qualitativen und quantitativen Sozialforschung beachtet werden. 

***bitte vorherigen Absatz kontrollieren -- das mit den zu großen Materialmengen steht schon einen Absatz hoeher, gehoert aber vielleicht eher hier hin. Der Satz mit den 'eingeschriebenen Wissenspolitiken' meint, dass es mir verdammt schwierig erscheint, eine Fragestellung zu entwickeln, die die Datenerhebung gewissermaßen 'gegen den Strich bürstet'. Mir erscheint es so, als fragen wir immer eng am Datenmodell entlang, z.B. bei Netzwerken fragen wir nach lauter Eigenschaften, die man halt mit Graphentheorie rausfinden kann und denken dann, wir haben was über die Beziehungen von den Aktanten rausgefunden....?????

Überschrift: Was verspricht die geforderte  produktive Auseinandersetzung einerseits der Medienwissenschaft und  andererseits den Digital Humanities?

Unterüberschrift: Was haben die DigiHums von der Auseinandersetzung?
***Noch zu formulieren: Im Wesentlichen haben sie davon, dass sie quasi medienspezifische Fragestellungen 'dazubekommen' und ***Hilfestellungen, damit man überhaupt sinnvoll anderes Zeugs als Text untersuchen kann, mit informatorischen Methoden. (????) 

Darüber hinaus ist im Bereich der fächerübergreifenden Digital  Humanities international nach wie vor keine Ausdifferenzierung in  Richtung einer greifbaren Binnenidentität ***entweder: Entwicklung einer greifbaren Binnenidentität ODER mehrerer Binnenidentitäten (????)  als eigener Meta- oder Interdisziplin wahrnehmbar. Es fehlt eine schon  lange – etwa von Alan Liu [1] – angemahnte Theoretisierung und  Systematisierung, die über technische Fragen von Datenformaten,  Softwarewerkzeugen und Standardisierung hinaus geht. Die  Medienwissenschaft kann hier als Mittlerin auftreten, indem sie die  etablierten Formen der Medienanalyse und ein historisches und  ethnografisches Bewusstsein in die DH integriert. 

Unterüberschrift: Was hat die Mewi von der Auseinandersetzung?
***Noch zu formulieren: Im Wesentlichen, dass sie 'native' digitale Phänomene besser  untersuchen kann. Und eben die Frage der Daten- oder Materialmengen - zu groß zum gucken, aber für ordentliche Statistik sind die Panels dann doch wieder zu klein (aber das steht dann hier das dritte Mal).

***ACHTUNG: das folgende sind jetzt quasi versteckte Foderungen an die Medienwissenschaft, die nicht so richtig zu dem 'was hat die Mewi von digitalen Methoden' passen, aber jetzt auch keine harten Forderungen sind. Vielelicht findet sich da noch ne bessere Art der Formulierungen? zB, dass sich Medienwissenchaften schon öffnen und auf die und die Art profitieren....?????  Vielleicht den folgenden Absatz überarbeiten in Hinblick auf: 

Die deutschsprachigen Medienwissenschaften tut schon/sollte Methodenoffenheit auch zu quantitativen oder ethnomethodologischen Methoden haben und diese in ihre Methodenreflexivität einbeziehen. Sie sollte weiterhin technikreflexiv bleiben und gerade in Hinblick auf algorithmisch basierte Methoden die Zusammenarbeit mit der Informatik verstärken. Gleichermaßen lässt sich eine neuerliche (????) Öffnung zu medienaktivistischen Diskursen erkennen, was gut ist, weil dadurch gesellschaftsrelevante Fragen anders in die Wissenschaft kommen. Sie soll weiterhin auf den qualitativ und medientheoretisch wirksam   werdenden Einsatz digitaler Instrumente und Methoden abzielen. Dies  kann  bspw. im Anschluss an die empirisch verfahrende Medienethnologie   geschehen, die „online“ und „offline“ nicht als getrennte Welten   versteht, aus epistemologischer Perspektive auf digitale Medienkulturen   oder im Rahmen der deutschsprachigen Aneignung von Science and   Technology Studies und Akteur-Netzwerk-Theorie. Auf dieser Basis sollte sie sich historisch-epistemologisch reflexiv auch an der Entwicklung von virtuellen Forschungsinfrastrukturen sowie von Tools beteiligen. 

(((folgendes war der ursprüngliche Text:
Die deutschsprachige  Medienwissenschaft könnte sich hier internationalen Bestrebungen öffnen,  die teils quantititativ arbeiten (etwa die „digital sociology“) sowie  an der Entwicklung facheigener digitaler Werkzeuge und virtuellen  Forschungsinfrastrukturen beteiligen. Gleichermaßen ist es ***wuenschenswert/sinnvoll, die Vermittlung technischer
Kompetenzen in die Curricula der Medienwissenschaft aufzunehmen und in Hinblick  auf algorithmisch basierte Methoden die Zusammenarbeit mit der  Informatik zu verstärken.)))))

Daraus  ergeben sich neben den allgemeinen wissenschaftspolitischen  Herausforderungen spezifische Anforderungen der Medienwissenschaft,  damit diese ihren speziellen Aufgaben hinsichtlich eines  qualitativ-reflexiven Einsatzes digitaler Medien zukünftig nachkommen  kann. 

Ab hier dann weiter mit dem Thesenkatalog. S.u. ab Zeile 86.... 

Diskussionspapier Medienwissenschaft und Digital Humanities (Version 0.2)

(für die 'interne Gliederung' schreibe ich hier mal Absatzüberschriften rein)
Überschrift: Diagnose: Mewi und Digitalität
Die deutschsprachige Medienwissenschaft hat den digitalen Wandel als eigenen wissenschaftlichen Gegenstand angenommen, erforscht und historisch kontextualisiert. Die Entwicklung des Fachs reflektiert zu einem nicht unerheblichen Teil das eigene medienkulturelle Milieu, das gerade auch unter den Bedingungen vernetzer Digitalcomputer entstanden ist. Dabei vermeidet die Medienwissenschaft eine Verkürzung auf rein gegenwartsbezogene Fragen durch das Einbeziehen historischer Perspektiven.

Überschrift: Verhältnis Mewi und der Einsatz digitaler Medien 
Den Vorsprüngen in Sachen Reflexivität steht aber nur teilweise eine übergreifende Strategie zum Einsatz digitaler Medien im Fach selbst gegenüber. Zwar vermittelt jeder medienkulturwissenschaftliche Studiengang Medienkompetenz unter Einsatz umfangreicher medientechnischer Apparatur. Dennoch ist eine auffällige Zurückhaltung (***mein Vorschlag: hier streichen) hinsichtlich größerer Vorhaben zu virtuellen Forschungsinfrastrukturen, wie auch gegenüber genuin „digitalen Methoden“ und dem gesamten Feld der „Digital Humanities“ zu beobachten. *** und hier mit einbauen: Entsprechend baut die Medienwissenschaft kaum eigene virtuelle Forschungsinfrastrukturen auf und bring sich -- Zudem verfügt die Medienwissenschaft, verglichen mit anderen Sozial- und Kulturwissenschaften -- über vergleichsweise geringe Teilhabe an wenig in vorhandenen virtuellen Forschungsinfrastrukturen ein. ***im vorherigen Absatz unklar: wieso kommt da zwei mal virtuelle Forschungsinfrastruktur vor? einmal: Zurückhaltung und einmal geringe Teilhabe?

Das hängt zusammen: Es werden kaum eigene Infrastrukturen aufgebaut, und an denen anderer Fächer partizipiert man immer nur parasitär (s. H-Soz-Kult u.Ä.).

***ich glaube, wir müssen hier in der Einleitung den Übergang zu den Digital Humanities eleganter bzw. expliziter machen. Einerseits müssten wir schreiben, was wir unter Digital Humanities verstehen; als 'weiter' Begriff wäre damit ja wohl so etwas gemeint wie: geisteswissenschaftliches Arbeiten im medienkulturellen Milieu (????) Als 'enger' Begriff wäre gemeint: geisteswissenschaftliche Forschung, die digitale Analysewerkzeuge (nebst der Visualisierung) einsetzt, um genuin digitale Daten zu analysieren und dadurch Phänomene digitaler Medienkulturen zu analysieren????? Dann sollten wir uns noch mal klar sein, ob wir das Feld der 'weiten' DigiHums adressieren oder das Feld der 'engen' DigiHums???? 

Ich bin eher für die "engen" DigiHums. Das weite Feld kommt bisher überhaupt nicht zu einem Selbstverständnis, die operativ arbeitenden DigiHums haben das wenigstens über Tools, Standards, Operationen...

Gegebenenfalls müssten wir dann noch eine Art 'Diagnose' zu (dem Verhältnis zwischen Mewi und) den Digital Humanities stellen. Stichpunkte dazu wären: Der ganze Komplex von Zugänglichkeit zu Daten, ihre Auswertung und die Repräsentation/Visualisierung der Auswertung führt zu/stellt die Frage danach, wie sich Evidenzproduktion in der geisteswissenschaftlichen Arbeit zu digitalen Phänomenen verändert. Gleichermaßen stellt sich die Frage, inwieweit akademisch genutzte digitale Methoden (enger Begriff: digitale Analysetools für große Datenbestände) eigentlich kommerziell entwickelte digitale Methoden sind. In welchem Verhältnis stehen beide und inwieweit reproduziert die akademische Anwendung digitaler Methoden dann die Evidenzproduktion und/oder Wissenspolitiken der kommerziellen Tools. (ACHTUNG, ich bin mir nicht ganz klar, ob das zu 'Diagnose' gehört). Eine weitere Frage ist die nach der Forschungsethik, da die digitalen Methoden ja im Grunde Überwachungsmethoden sind, zu denen die Überwachten (Twitterer etc.) nicht unbedingt ihr Einverständnis geben.

Evidenzprodution ist ein gutes Stichwort, aber dazu muss man natürlich noch mehr sagen als einige DH-Graphen und Visualisierungen an die Wand zu werfen. Wenn das nicht gerade von Lev Manovich kommt, ist es eigentlich in der internationalen Medienwissenschaft immer hoch-selbstreflexiv. Die entsprechenden Tools/Methoden sind immer noch Open-Source-lastig (siehe Amsterdam). Eine Problematisierung von Kommerzialisierung und "owned publics" sollten wir machen, aber eher bei den Thesen. Die forschungsethische und überwachungskritische Zurückhaltung muss noch mit aufgenommen werden; ich würde das bei den Methoden mit unterbringen.

Überschrift: Wir fordern von der Mewi, die Zurückhaltung aufzugeben
Angesichts der wachsenden Vielfalt digital verfasster Forschungsgegenstände im Bereich der Software-, Data- und Game-Studies, der kritischen Internetforschung, der Medienarchäologie und der Sozialtheorie sozialer Medien sowie der Entwicklung digitaler Analysewerkzeuge sollte diese Zurückhaltung überdacht werden. Gefragt ist eine produktive und reflexive Auseinandersetzung mit Empirie, Instrumenten und Theorie der Digital Humanities. ***müsste in den vorherigen Satz nicht deutlicher auch noch rein, dass es eine Auseinandersetzung mit 'Methoden' der Digital Humanities geben sollte? Und: wie stehen Instrumente und Empirie zu den Methoden im Verhältnis? sind die Methoden der DH immer empirisch???? Vorschlag: statt 'mit Empirie' --> 'mit (empirischen) Methoden 

Hier noch etwas zu Forschungsethik, und zwar im Sinne von: Auch wenn durch das Social Web viele, oftmals personenbezogene Daten vermeintlich "frei" zugänglich sind, müssen auch für den Einsatz digitaler Methoden neben den gesetzlichen Bestimmungen die forschungsethischen Standards der qualitativen und quantitativen Sozialforschung beachtet werden. [Das ist echt ganz schön tricky, und würde viele Formen des spontanen "Scraping" und Verfolgens von "issues" schwierig, wenn nicht unmöglich machen. Zu dieser sozialexperimentellen Seite müssten wir dann in Marburg wirklich noch einmal diskutieren.]

***In den folgenden zwei Absätzen ist mir unklar, was wir genau wollen. Vom Aufbau des Textes könnten wir die Absätze so bauen, dass es darum ginge: Was verspricht die geforderte produktive Auseinandersetzung einerseits der Medienwissenschaft und andererseits den Digital Humanities?  Dann müssten wir aber noch mal umformulieren. Im Moment ist er ja eher so formuliert wie: was müsste die Mewi tun, um die geforderte Auseinandersetzung zu führen und was bringt diese den DigiHums? 

Zustimmung: Zweifaches Versprechen ist gut!

Die deutschsprachige Medienwissenschaft könnte sich hier internationalen Bestrebungen öffnen, die teils quantititativ arbeiten (etwa die „digital sociology“) sowie an der Entwicklung facheigener digitaler Werkzeuge und virtuellen Forschungsinfrastrukturen beteiligen. Gleichermaßen ist es ***wuenschenswert/sinnvoll, die Vermittlung technischer
Kompetenzen in die Curricula der Medienwissenschaft aufzunehmen und in Hinblick auf algorithmisch basierte Methoden die Zusammenarbeit mit der Informatik zu verstärken.(***Eingefügt, weil die Auseinandersetzung mit den Algorithmen wichtig ist und wir den Punkt ausgelagert hatten -- s.u. in der liste offen/zu diskutieren). ***Wichtig zu formulieren: technische Kompetenzen und/oder zumindest ein Verständnis, so dass die Mewis sich mit Technikern/Informatikern unterhalten koennen. (Gespräch auf Augenhöhe wäre wünschenswert).
Vor allem aber würde sie auf den qualitativ und medientheoretisch wirksam werdenden Einsatz digitaler Instrumente und Methoden abzielen. Dies kann bspw. im Anschluss an die empirisch verfahrende Medienethnologie geschehen, die „online“ und „offline“ nicht als getrennte Welten versteht, aus epistemologischer Perspektive auf digitale Medienkulturen oder im Rahmen der deutschsprachigen Aneignung von Science and Technology Studies und Akteur-Netzwerk-Theorie.

Umgekehrt ist im Bereich der fächerübergreifenden Digital Humanities international nach wie vor keine Ausdifferenzierung in Richtung einer greifbaren Binnenidentität ***entweder: Entwicklung einer greifbaren Binnenidentität ODER mehrerer Binnenidentitäten (????) als eigener Meta- oder Interdisziplin wahrnehmbar. Es fehlt eine schon lange – etwa von Alan Liu [1] – angemahnte Theoretisierung und Systematisierung, die über technische Fragen von Datenformaten, Softwarewerkzeugen und Standardisierung hinaus geht. Die Medienwissenschaft kann hier als Mittlerin auftreten, indem sie die etablierten Formen der Medienanalyse und ein historisches und ethnografisches Bewusstsein in die DH integriert. 


Daraus ergeben sich neben den allgemeinen wissenschaftspolitischen Herausforderungen spezifische Anforderungen der Medienwissenschaft, damit diese ihren speziellen Aufgaben hinsichtlich eines qualitativ-reflexiven Einsatzes digitaler Medien zukünftig nachkommen kann. 

***wenn wir in den vorherigen Absätzen eher die 'ziele' oder 'positivien Effekte' einer Auseinandersetzung beschreiben, dann hätten wir als nächstes: was müsste die Mewi aber auch was müssten die Geldgeber/Institutionen dafür tun, damit die Auseinandersetzung produktiv ist? Das steht ja auch im vorherigen Satz. Gegebenenfalls sollten die Thesen dann schlicht Forderungen sein. Und die Frage ist, ob wir sowas wie 'Forderungen an die Medienwissenschaft' stellen und 'Forderungen an die Anderen/Geldgeber'. Im Falle würden wir an die Adresse der Mewi fordern (ich glaube, das ist nicht unbedingt gut, aber wir sollten uns selbst schon darüber klar sein, an wen welche Forderungen gehen????): 
- Internationalisierung, 
- Auseinadersetzung mit Technik und Informatik, Interdisziplinarität
- Öffnung zu quantitativen Methoden  //vielleicht überhaupt: größere Methodenoffenheit, aber auch größere Methodenreflexivität?????
- Öffnung 'der Medienwissenschaft' zu Aktivismus?
- Öffnung 'der Medienwissenschaft' zu praktischen Experimenten und Entwicklung von Tools?
- wir müssten noch kontrollieren, was von den schon formulierten Thesen eher zu diesem 'Block' gehört.

Forderungen sollten wirklich nur nach extern gerichtet sein. Und das muss dann sehr konkret werden, puh...

Dann müsste man innerhalb der Thesen/Forderungen anmoderieren, dass das alles aber nur geht, wenn politische und finanzielle Grundlagen und Sicherheiten geschaffen werden
- Quellenzugänglichkeit
- Urheberrecht
- Forschungsinstitutionen und technische Infrastrukturen, die es überhaupt erst ermöglichen, 'bessere' tools zu entwickeln. Das fängt schon damit an, dass man Software-Entwickler bezahlen können muss und genug davon haben muss.
- Forschungsethik

Aber an wen richten wir neben dem Gesetzgeber möglichst konkrete Forderungen, und wie sehen die aus?
- GfM (offenbar ja immer noch nötig)
- DFG
- BMBF
- Wissenschaftsrat
- DH-Player
- medienwissenschaftliche Studiengänge
...

Und was?
- eigene, nicht zu zerfaserte, aber dezentral nutzbare  Forschungsinfrastruktur für medienwissenschaftliche Fachinformation,  inklusive Open-Access-Repositorium für Texte und andere Daten
- medienethnologische und mediensozialwissenschaftliche Begleitforschung  beim Aufbau von DH-Infrastrukturen (wird in den USA in den  Naturwissenschaften seit den 1980ern gemacht, und ist der Ausgangspunkt  für die Ethnography of Infrastructure in den STS)
- volle fachliche Anerkennung für "research technologists", die medienpraktisch arbeiten und Infrastrukturen am Laufen halten
- [inhaltlich] ein ebenso produktives wie daten- und methodenkritisches  Verhältnis zur Evidenzproduktion, d.h. es darf nicht zu einem naiven  Neopositivismus und einer naiven Neo-Experimentalisierung kommen
- eigene Module zu digitalen/mobilen Methoden in den medienwissenschaftlichen Studiengängen


Thesen

1. Eine Vielzahl digitaler Quellen der Medienwissenschaft bleibt forschungspragmatisch und empirisch nur schwer zugänglich. Weder ist der ethnografische und techniksoziologische Feldzugang im Bereich der Produktion von Software, Spielen und Internetplattformen leicht zu erreichen, noch ist das gerade bei medienindustrieller Verfertigung starke „blackboxing“ des digitalen Quelltexts, seiner Entstehung und Nutzung durch einzelne ForscherInnen momentan strukturell überwindbar. Gleiches gilt für die Datenerzeugung, -verarbeitung und -übermittlung, die im Rahmen einer medienwissenschaftlichen Datenkritik erforscht werden soll. Hier muss wissenschafts- und netzpolitisch auf eine Öffnung gerade der großen Plattformen (Betriebssysteme, Suchmaschinen, soziale Netzwerke etc.) mitsamt ihrer Daten und deutlich mehr Transparenz gedrungen werden, um den sich aktuell verstärkenden Abschließungsmechanismen entgegen zu treten. 

2. In Sachen Archivierung des WWW und seiner Dienste ist hier die gezielte Kooperation mit der Deutschen Nationalbibliothek und der Deutschen Digitalen Bibliothek zu suchen; ebenso ist in die Zusammenarbeit mit Medien- und Technikmuseen sowie mit Rechenzentren zu intensivieren, die technische Lösungen für Langzeitarchivierungen entwickeln. An der interdisziplinären Erarbeitung von Standards und best practices im Bereich Retrodigitalisierung und E-Editionen sollte sich die Medienwissenschaft mit ihren eigenen Kompetenzen stärker beteiligen. Die Archivierung jeglicher Art von zeitbasierten Künsten (Tanz, Theater, Performancekunst, Film) und von interaktiver Software (Games, Betriebssysteme, Software für künstlerisch-gestalterische Zwecke, etc.) erfordert zudem besondere konzeptionelle und technische Lösungen, in deren Entwicklung die Medienwissenschaft involviert sein sollte. 

3. Diese Problematik gilt in vergleichbarer Form für die Geschichte digitaler Medien, der sich das Fach insbesondere verpflichtet fühlt. Hierzu gehört weniger die bloße Archivierung von Hard- und Software, sondern vor allem die Rekonstruktion von Nutzungszusammenhängen als Teil des digitalen Kulturerbes. Dies reicht vom impliziten Wissen der konkreten Handlungsvollzüge bis zu den sozialen Bedingungen digital vermittelter Kooperation, die allesamt zur Korpusbildung notwendig sind. Die bisherigen Ansätze zur Medienarchäologie greifen daher strategisch zu kurz. Zukünftige Projekte müssen hier die Aufarbeitung von digitalen Arbeitsumgebungen und Vermittlungsprozessen – etwa durch Soziale Medien – leisten können und idealerweise deren Langzeitverfügbarkeit ermöglichen. Hierfür gilt die gleiche politische Notwendigkeit zur Öffnung von black boxes und zur öffentlichen Archivierung wie für die gegenwartsbezogene Forschung. Den Möglichkeiten der digitalen Ära steht auch für den audiovisuellen Teil des Kultur- und Medienerbes sehr oft ein restriktives und prohibitives Urheberrecht und – im Falle des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks – eine kurzsichtige Medienpolitik entgegen. **warum hier Sidekick gegen die Öffentlich-Rechtlichen; Wenn überhaupt so scharf, dann am Anfang der These? VORSCHLAG: Einschub '-- im Falle des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks --' streichen.

4. Für den Bereich der digitalen Methoden ist die fortlaufende Grundlagenforschung unabdingbar. Neben der Rezeption internationaler Diskurse und Praktiken, etwa im Bereich der Software Studies (Lev Manovich, Richard Rogers, Matthew Fuller) sollten codebasierte Methoden wissens- und mediengeschichtlich reflektiert werden. Es ist notwendig, dieses Wissen wiederum in die Entwicklung digitaler Methoden einzubringen, gerade hinsichtlich der Internetforschung im Bereich digitaler Medien- und Sozialforschung. 

5. Die Medienwissenschaft sollte Ihre Publikations- und Anerkennungspraktiken hinterfragen. Sie verfügt z.B. über kein anerkanntes, institutionenübergreifendes E-Repositorium, in dem die Breite und Tiefe der Forschung durch Dokumentation im Open Access verfügbar ist. Dies ist auch im internationalen Wettbewerb eine strukturelle Schwäche, der Rechnung getragen werden sollte. Open-Access-Publikationen – auch niedrigschwellige, etwa im Weblog- und Pre-Printbereich –, würden in erheblichem Maße zum Fachdiskurs, der Nachwuchsförderung [3] und der internationalen Sichtbarkeit beitragen, insofern die Akzeptanz bei allen Beteiligten höher als bisher ist. Wünschenswert ist ein (GfM-)Award für Online-Publikationen und/oder medienwissenschaftliche Blogs.

6. Von besonderer Relevanz für die medienwissenschaftliche Forschung und Lehre bleibt die gemeinwohlorientierte Modernisierung des Urheberrechts. Ohne einen möglichst liberalen Umgang der Kultur- und Sozialwissenschaften mit digitalen und retrodigitalisierten Quellen können diese nicht angemessen und zeitgemäß forschen und lehren; ihre Erkenntnisse und Sammlungen sind durch die aktuellen Restriktionen stets nur begrenzt kommunizierbar. Die AG Daten und Netzwerke/Die GfM setzt sich für den Einsatz freier Lizenzen – etwa von Creative-Commons-Lizenzen – für wissenschaftliche Texte, Töne, Bilder, Bewegtbilder und Datensätze ein. Zur Ausgestaltung konkreter Lösungen wird die AG Daten und Netzwerke mit der GfM AG Urheberrecht und der GfM Kommission „Medienwissenschaft und Recht“ zusammenarbeiten.

[1] Liu, Alan: „Where is cultural criticism in the Digital Humanities?“, 2011. http://liu.english.ucsb.edu/where-is-cultural-criticism-in-the-digital-humanities/
[2] Vgl. http://irights.info/wissenschaftsparagraf-der-horsaal-als-grauzone.
[3[ Vgl.  „Wissenschaftlicher Nachwuchs in den Digital Humanities. Ein Manifest“, 2013. http://dhdhi.hypotheses.org/1995


OFFEN/ZU DISKUTIEREN:
- Inwieweit beziehen wir uns auf konkrete Beispiele; Forschungsstandorte und gegebenenfalls Literatur etc. Ich habe jetzt die Städte und die konkreten Projekte rausgenommen, aber die Namen und Referenzen dringelassen. ENTWEDER ganz raus oder richtige/umfassende Verweise!!!!!

- Folgende Anmerkung habe ich nicht integriert, weil mir unklar ist, ob sie in einem Positionspapiert DigitalHumanities richtig ist: Zum Stichwort Interdisziplinarität ist außerdem zu erwähnen, dass eine stärkere Verzahnung der unterschiedlichen Disziplinen, die sich mit digitalen Technologien auseinandersetzen, durchaus wünschenswert ist, schließlich können hier alle Seiten voneinander profitieren. Die Vermittlung technischer Kompetenzen in der Medienwissenschaft sollte nicht nur nach Gusto den einzelnen Akteur*innen überlassen sein, sondern strukturell verankert werden. Ebenso lohnt es sich, auf eine stärkere theoretische Auseinandersetzung mit dem Gegenstand in Disziplinen wie der Informatik zum Beispiel hinzuarbeiten.

- Zu überlegen ist, ob man zwischen Quellen, Archivierung und Langzeitverfügbarkeit auf der einen Seite und digitalen Methoden auf der anderen Seite argumetativ sauber trennen kann. Mir scheint es so, als dass wir unter den einzelnen Bereichen immer sagen: wir müssen als Mewis an das Material rankommen; wir müssen reinschaun und es reflektieren; wir müssen mittun und bessere (Archivierung, digitale Methoden etc) entwickeln. Sollten wir das dann deutlicher hinschreiben?

Diskussionpunkte, die sich beim AG-Slot ergeben:

- Öffnung 'der Medienwissenschaft' zu Aktivismus?

- Öffnung 'der Medienwissenschaft' zu praktischen Experimenten und Entwicklung von Tools?

- Unterscheidung: Akademische 'Digitale Methoden' vs kommerzielle digitale Methoden

- Forschungsethik generell

- gibt es ein 'Alleinstellungsmerkmal' der medienwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit digitalen Methoden; z.b. Reflexivität? Theoriebedarf der Digital Humanities ist groß, die Medienwissenschaft könnte da etwas beitragen

- kann man sowas wie best-practice-Beispiele bzgl Institutionen (Amsterdam?) für Interdisziplinarität nennen (eher nicht, lieber im Fliesstext, siehe oben)

- Aber auf die Frage von Forschungsinstitutionen und technische Infrastrukturen eingehen (die brauche wir, die sind teuer).


Diskussionspapier Medienwissenschaft und Digital Humanities (Version 0.1, Lüneburg)
 
Die deutschsprachige Medienwissenschaft hat den digitalen Wandel früh (Stimmt das so tatsächlich? Ich denke, "früh" dürfte hier relativ sein...) als eigenen wissenschaftlichen Gegenstand antizipiert, reflektiert und historisiert (Ist die Wortwahl glücklich? klingt ein bisschen wie historisch überwunden, wie wär es mit 'historisch eingeordnet/kontextualisiert').(Ich finde ‚historisiert’ unproblematisch). Ihre disziplinäre Herkunft verdankt sich zu einem erheblichen Teil den Bedingungen des eigenen medienkulturellen Milieus, das sich nicht nur unter den Bedingungen vernetzter Digitalcomputer zumeist gegen rein gegenwartsbezogene Prognosen entwickelt hat. (Eindeutiger vielleicht so: "Ihre disziplinäre Herkunft verdankt sich zu einem nicht unerheblichen Teil dem eigenen medienkulturellen Milieu, dass sich gerade auch unter den Bedingungen vernetzer Digitalcomputer entwickelt hat. Dabei vermeidet die Medienwissenschaft eine Verkürzung des Gegenstands auf rein gegenwartsbezogene Prognosen.) (Auch diese Umformulierung ist noch undeutlich. Wenn 'Sie' die Medienwissenschaften sind, dann kann Ihnen zum Zeitpunkt Ihrer Genese noch kein Milieu zu eigen gewesen sein. Und, was ist konkret mit gegenwartsbezogenen Prozessen gemeint, gegenüber wem wird sich hier abgegrenzt?)(Vorschlag: „Die Entwicklung des Fachs reflektiert zu einem nicht unerheblichen Teil das eigene medienkulturelle Milieu, das gerade auch unter den Bedingungen vernetzer Digitalcomputer entstanden ist. Dabei vermeidet die Medienwissenschaft eine Verkürzung auf rein gegenwartsbezogene Fragen durch das Einbeziehen historischer Perspektiven.“)

 Den Vorsprüngen in Sachen Reflexivität steht aber nur teilweise eine übergreifende Strategie zum Einsatz digitaler Medien im Fach selbst gegenüber. Zwar vermittelt jeder medienkulturwissenschaftliche Studiengang Medienkompetenz unter hochtechnischen **ich würde nicht hochtechnisch schreiben, da das heutige hochtechnische die dampfmaschine des morgen ist???? Bedingungen (Vorschlag: "unter Einsatz umfangreicher medientechnischer Apparatur"). Dennoch 
ist eine auffällige Zurückhaltung hinsichtlich größerer Vorhaben zu virtuellen Forschungsinfrastrukturen, wie auch gegenüber [aber auch] genuin „digitalen Methoden“ und [oder auch] dem gesamten Feld der „Digital Humanities“ zu beobachten. Zudem verfügt die Medienwissenschaft, verglichen mit anderen Sozial- und Kulturwissenschaften, über ver
gleichsweise geringe Teilhabe an vorhandenen vir
tuellen Forschungsinfrastrukturen. (Sind hier Projekte wie DARIAH oder CLARIN gemeint, dann ist es mit Sicherheit nicht verkehrt, diese auch zu benennen um sich eine konkrete Konstellation zu stellen.) 

Dieser Nachholbedarf, der durch digital verfasste Forschungsgegenstände im Bereich der Software-, Data- und Game-Studies, der kritischen Internetforschung, der Medienarchäologie und der Sozialtheorie sozialer Medien akut geworden ist, wird mittlerweile auch forschungsstrategisch angegangen. (Das ist m.E. der problematischste Satz im Paper. „Auffällige Zurückhaltung“ heißt nicht automatisch, dass es Nachholbedarf gibt, sondern kann auch so gewollt sein, z.B. weil man Distanz wahren will. Das ist ja der Kernpunkt der Debatte und sollte hier nicht einfach übergangen werden. Vorschlag: „Angesichts der wachsenden Vielfalt digital verfasster Forschungsgegenstände im Bereich der Software-, Data- und Game-Studies, der kritischen Internetforschung, der Medienarchäologie und der Sozialtheorie sozialer Medien, ist es an der Zeit, diese Zurückhaltung zu überdenken. Statt in fundamentaler Ablehnung gegenüber bestimmten methodischen Zugängen zu verharren, sollte die Medienwissenschaft auf eine produktive Auseinandersetzung zwischen Empirie und Theorie hinarbeiten.“)(Achtung: Wir gehören auch zur Medienwissenschaft! Von "fundamentaler Ablehnung" zu sprechen, dürfte hier zu einseitig sein und erscheint mir auch arg polarisierend.) Die deutschsprachige Medienwissenschaft öffnet sich hier könnte sich hier internationalen Bestrebungen öffnen, die teils quantititativ arbeiten (etwa die „digital sociology“), vor allem aber zielt würde sie auf den qualitativ und medientheoretisch wirksam werdenden Einsatz digitaler Instrumente und Methoden abzielen. Dies geschieht kann bspw. im Anschluss an die empirisch verfahrende Medienethnologie geschehen, die „online“ und „offline“ nicht als getrennte Welten versteht (GK Locating Media, Siegen) (ich finde es unnötig, hier Namen bzw. Städte zu nennen, das schafft mehr Probleme als es hilfreich ist), aus langjährigem epistemologischen Interesse an digitaler Medienkultur (Lüneburg, GfM-AG „Daten und Netzwerke“) und übergreifend in der deutschsprachigen Aneignung
 von Scienc
e and Techn
ology Studi
es und Akte
ur-Netzwerk
-Theorie (B
ochum, Kons
tanz, Pader
born, Siege
n, Weimar).
 
Daraus ergeben sich neben den allgemeinen wissenschaftspolitischen Herausforderungen spezifische Anforderungen der Medienwissenschaft, damit diese ihren speziellen Aufgaben hinsichtlich eines qualitativ-reflexiven Einsatzes digitaler Medien zukünftig nachkommen kann. Der Bedarf an facheigenen digitalen Werkzeugen und virtuellen Forschungsinfrastrukturen ist schon jetzt absehbar groß geworden. (Die Frage zu klären, wie sinvoll solche Einrichtungen für die Medienwissenschaft sind, wäre m.E. gerade das Ziel dieses ganzen Programms, nicht dessen Voraussetzung.)
 
Thesen

1.     Eine Vielzahl digitaler Quellen der Medienwissenschaft bleibt forschungspragmatisch und empirisch nur schwer zugänglich. Weder ist der ethnografische und techniksoziologische Feldzugang im Bereich der Produktion von Software, Spielen und Internetplattformen leicht zu erreichen [bekommen], noch ist das gerade bei medienindustrieller Verfertigung starke „blackboxing“ des digitalen Quelltexts, seiner Entstehung und Nutzung durch einzelne ForscherInnen momentan strukturell unüberwindbar (überwindbar, oder?!). Gleiches gilt für die Datenerzeugung, -verarbeitung und -übermittlung, die im Rahmen einer medienwissenschaftlichen Datenkritik erforscht werden soll. Hier muss wissenschafts- und netzpolitisch auf eine Öffnung gerade der großen Plattformen (Betriebssysteme, Suchmaschinen, soziale Netzwerke etc.) mitsamt ihrer Daten und deutlich mehr Transparenz gedrungen werden, um den sich aktuell verstärkenden Schließungseffekten (Vorschlag: "Abschließungsmechanismen" - Effekt klingt nach einem Automatismus, nicht nach einem gewollten (__Es wäre gut, wenn man hier Bsp. auf die man sich positiv bezieht nennen könnte wie z.B. Diaspora bei Social Networkd, die Aktivitäten der Open Knowledge Foundation zur Öffnung von Inhalten, usw.)Mechanismus.) entgegen zu treten. In Sachen Archivierung des WWW und seiner Dienste ist hier die gezielte Kooperation mit der Deutschen Nationalbibliothek und der Deutschen Digitalen Bibliothek zu suchen; ebenso ist in die Zusammenarbeit mit Medien- und Technikmuseen zu intensivieren. Ergänzen? "Die Archivierung jeglicher Art von interaktiver Software (Games, Betriebssysteme, Software für künstlerisch-gestalterische Zwecke, etc.) stellt die Medienwissenschaft zudem vor eine besondere (philologische?) Herausforderung, für die konzeptionelle und technische Lösungen zu entwickeln sind."(Viel wichtiger sind noch Rechenzentren wie KIZ, GWDG, ZI, die Langzeitarchivierung operativ bewerkstelligen inkl. Metadaten, aber keinen Anschluss an medienwissenschafltiche Diskussionen haben)

2.     Diese Problematik gilt in vergleichbarer Form für die Geschichte digitaler Medien, der sich das Fach insbesondere verpflichtet fühlt. Hierzu gehört weniger die bloße Archivierung von Hardware und Software (vgl. Blogbeitrag von Timo Kaerlein), sondern vor allem die Rekonstruktion von Nutzungszusammenhängen als Teil des digitalen Kulturerbes. Dies reicht vom impliziten Wissen der konkreten Handlungsvollzüge und seiner oral history (Was heißt das hier?) bis zu den sozialen Bedingungen digital vermittelter Kooperation, die allesamt zur Korpusbildung notwendig sind. (Rechenzentren arbeiten hier mit der Distinktion von Langzeitarchivierung und Langzeitverfügbarkeit, wobei Konsens herrscht, dass letzteres unter digitalen Bedingungen eigentlich gar nicht mehr zu bewerkstelligen ist, gerade hier müsste man gucken, ob sich in diesem Umstand nicht ein eigenes Thema für Medienwissenschaftler entdecken lässt) Die bisherigen Ansätze zur Medienarchäologie greifen daher strategisch zu kurz. Zukünftige Projekte müssen hier die Aufarbeitung von digitalen Arbeitsumgebungen und Vermittlungsprozessen – etwa durch Soziale Medien – leisten können. Hierfür gilt die gleiche politische Notwendigkeit zur Öffnung von black boxes und zur öffentlichen Archivierung wie für die gegenwartsbezogene Forschung. Den Möglichkeiten der digitalen Ära steht auch für den audiovisuellen Teil des Kultur- und Medienerbes sehr oft ein restriktives und prohibitives Urheberrecht und – im Falle des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks – eine kurzsichtige Medienpolitik entgegen.

3.     Um digitale Methoden nachhaltig im Fach zu verankern, ist die fortlaufende Grundlagenforschung unabdingbar. [Sie sollten mit einem eigenen Förderprogramm versehen werden.] (Dieser Punkt ist fundamental und sollte noch deutlicher gemacht werden. In DH Förderprogrammen steht bisher immer die Klausel, das Forschungsleistungen kein Bestandteil des geförderten Projekts sein darf. Das führt dazu, dass die DH zumeist nicht mal die Möglichkeit hat sich methodisch ausreichend zu reflektieren) Die internationalen Bewegungen, etwa im Bereich der Software Studies (Lev Manovich, Richard Rogers, Matthew Fuller), dürfen nicht nur antizipiert (muss "rezipiert" heißen, oder?) werden, sondern müssen auch die deutschsprachige Medienwissenschaft dazu veranlassen, [muss] sachgemäße softwarebasierte Methoden (bitte algorithnmische oder codebasierte Methoden, Software ist ein Produkt aber keine Methode, ein emanzipativer Umgang mit digitalen Methoden darf es aber eben gerade nicht sein einfach nur ein Stück Software laufen zu lassen) zu entwickeln bzw. etablierte Analysetechniken entsprechend anzupassen. Eine Profilierung im Bereich digitaler Medien- und Sozialforschung scheint auf diesem Feld absehbar notwendig, gerade hinsichtlich der Internetforschung.(In diesem Absatz scheinen zwei Perspektiven zusammenzulaufen, die besser getrennt werden sollten, denn die Entwicklung eigener digitaler Methoden oder der fachspezifischen Anwendung vorhandener Methoden ist etwas anderes als eine Profilierung im Bereich digitaler Medien- und Sozialforschung, aus dem Bereich DH kommend, halte ich ersteres für unabdingbar, denke aber es ist dringend notwendig, dass die Medienwissenschaften hier ihren eigenen Zugang entwickeln)

4.     Die Medienwissenschaft verfügt über kein anerkanntes, institutionenübergreifendes E-Repositorium, in dem die Breite und Tiefe der Forschung durch Dokumentation im Open Access verfügbar ist. Diese strukturelle Schwäche stellt auch im internationalen Wettbewerb einen markanten Nachteil dar, da englischsprachige Beiträge deutscher WissenschaftlerInnen zumeist nur verstreut recherchierbar sind. Hier ist ein akuter Handlungsbedarf vorhanden, dem schnell Rechnung getragen werden sollte. (Analoge Problemlagen dürften in anderen Geisteswissenschaften existieren, so dass man Insellösungen vermeiden kann.) Open-Access-Zeitschriften fehlen dem Fach fast vollständig, bisher sind nur einzelne Lösungen wie der freie Zugriff für Mitglieder bei der GfM-eigenen Zeitschrift für Medienwissenschaft und das Freiburger Projekt Mediale Kontrolle unter Beobachtung realisiert. (Bin mir nicht sicher, ob hier so akuter Handlungsbedarf besteht, bzw. ob es sinnvoll ist, den auf diese Weise anzugehen. Warum sollte man z.B. englischsprachige Beiträge deutscher WissenschaftlerInnen an einer zentralen Stelle recherchieren wollen? Würde den Punkt entweder streichen, weil er irgendwie doch in eine andere Richtung geht als der Rest des Papers, oder nochmal klarer machen, wie man sich das Repositorium vorstellt, ggf. mit Verweis auf ein Beispiel aus anderen Fächern.)

5.     Von besonderer Relevanz für die medienwissenschaftliche Forschung und Lehre bleibt die Modernisierung des Urheberrechts. Ohne einen möglichst liberalen Umgang der Kultur- und Sozialwissenschaften mit digitalen Quellen können diese ihren gesamtgesellschaftlichen Auftrag // Klingt nach einer eher politischen Floskel, was ist damit konkret gemeint? nicht wahrnehmen. Die AG Urheberrecht der Gesellschaft für Medienwissenschaft hat hierzu 2013 eine Umfrage unter ihren Mitgliedern ausgewertet.[1] Zur Jahrestagung in Lüneburg wird sich zur weiteren Positionierung die Kommission „Medienwissenschaft und Recht“ gründen.

Im Bereich der fächerübergreifenden Digital Humanities ist international nach wie vor keine Ausdifferenzierung in Richtung einer greifbaren Binnenidentität als eigener Meta- oder Interdisziplin wahrnehmbar. Es fehlt eine schon lange – etwa von Alan Liu [2] – angemahnte Theoretisierung und Systematisierung, die über rein technische Fragen von Datenformaten, Softwarewerkzeugen und Standardisierung hinaus geht.//Ja, aber: schließt das aus, dass ein gewisses technisches Know-how wünschenswert ist? (Es mag darauf hingewiesen sein, dass in DARIAH so eine Aktivität zur Zeit unter dem wirksamen Label einer DH Methoden Ontologie stattfindet. Ich würde den Punkt etwas abschwächen, da die Darstellung DH beschränke sich auf Formate, Standards... nicht der Realität entspricht, obgleich sie in dieser Aufgabenstellung nach wie vor und das ist richtig, keine Resultate vorweisen können, dies liegt aber zum Teil auch an oben angesprochenem förderungspolitischem Problem.)Die Medienwissenschaft kann hier als Mittlerin auftreten, indem sie die etablierten Formen der Medienanalyse und ein historisches und ethnographisches Bewusstsein in die DH integriert. An der interdisziplinären Erarbeitung von Standards und best practices im Bereich Retrodigitalisierung und E-Editionen sollte sich die Medienwissenschaft mit ihren eigenen Kompetenzen stärker beteiligen. 
Zum Stichwort Interdisziplinarität ist außerdem zu erwähnen, dass eine stärkere Verzahnung der unterschiedlichen Disziplinen, die sich mit digitalen Technologien auseinandersetzen, durchaus wünschenswert ist, schließlich können hier alle Seiten voneinander profitieren. Die Vermittlung technischer Kompetenzen in der Medienwissenschaft sollte nicht nur nach Gusto den einzelnen Akteur*innen überlassen sein, sondern strukturell verankert werden. Ebenso lohnt es sich, auf eine stärkere theoretische Auseinandersetzung mit dem Gegenstand in Disziplinen wie der Informatik zum Beispiel hinzuarbeiten.
Ist der letzte Absatz als Punkt 6 gemeint oder als eine Art zusammenfassender Abschluss? Wenn es nicht Punkt 6 ist, scheint es mir sinnvoller, ihn den Thesen voranzustellen, also ans Ende des ersten Teils.

[1] Vgl. http://irights.info/wissenschaftsparagraf-der-horsaal-als-grauzone.
[2] Liu, Alan: „Where is cultural criticism in the Digital Humanities?“, 2011. http://liu.english.ucsb.edu/where-is-cultural-criticism-in-the-digital-humanities/

############# Ab hier die älteren Sachen ###############

Literatursammlung Datenkritik (Zitationsschema TBA)

Baumann, Zygmunt/Lyon, David: Daten, Drohnen, Disziplin. Ein Gespräch über flüchtige Überwachung. Berlin: Suhrkamp 2013. [interessant zur Einschätzung sozialer Klassifizierung]

boyd, danah and Kate Crawford. (2012). “Critical Questions for Big Data: Provocations for a Cultural, Technological, and Scholarly Phenomenon.” Information, Communication, & Society 15:5, p. 662-679. [Based on conference paper at SSRN called "Six Provocations for Big Data"] [draft pdf] http://www.danah.org/papers/2012/BigData-ICS-Draft.pdf

Gitelman, Lisa (Hg.): "Raw Data" is an Oxymoron. Cambridge, MA/London: MIT Press 2013. [grundlegend zu "data studies", speziell in der Einleitung]

Latour, Bruno: Der Pedologen-Faden von Boa Vista. Eine photo-philosophische Montage, in: ders.: Der Berliner Schlüssel: Erkundungen eines Liebhabers der Wissenschaften. Berlin: Akademie 1996, S. 191-248. [zum Verhältnis von Daten als 'Gegebenem' und Fakten als 'Gemachtem', S. 209f.]

Latour, Bruno: Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2000. [zu Fakten, Fetischen und Faitiches, insb. S. 338]

Manovich, Lev: "Trending: The Promises and the Challenges of Big Social Data", Online-Publikation, 2011, http://www.manovich.net/DOCS/Manovich_trending_paper.pdf

Rottenburg Richard: Weit hergeholte Fakten. Eine Parabel der Entwicklungshilfe. Stuttgart: Lucius & Lucius 2002. [zu Rechen-(schafts)zentren, insb. S. 121f., S. 237f.]

Agre, P.E., 1994. Surveillance and Capture- Two Models of Privacy. The Information Society, 10(2), pp.101–127.

Ruppert, E. & Savage, M., 2009. New Populations: Scoping Paper on Digital Transactional Data. CRESC Working Paper Series, 44(74), pp.1–19.

Beer, D. & Burrows, R., 2013. Popular Culture, Digital Archives and the New Social Life of Data. Theory, Culture & Society, 30(4), pp.47–71.

Gillespie, T., 2012. The Relevance of Algorithms. In T. Gillespie, P. Boczkowski, & K. Foot., eds. Media Technologies. Cambridge, Mass.: MIT Press.

Bollier, D., 2010. The Promise and Peril of Big Data. Available at: http://www.thinkbiganalytics.com/uploads/Aspen-Big_Data.pdf.

Kevin Driscoll (2012), ‘From Punched Cards to “Big Data”: A Social History of Database Populism’, Communication+, issue 1, pp. 1-33

Mackenzie, A., (2012) ‘More parts than elements: how databases multiply’, Environment and Planning D: Society and Space 30(2): 335 – 350


Material

Anderson, Chris: The End of Theory: The Data Deluge Makes the Scientific Method Obsolete, Wired, 23.6.2008. http://www.wired.com/science/discoveries/magazine/16-07/pb_theory

Crawford, Kate: The Hidden Biases in Big Data, Harvard Business Review, 1. April 2013. http://blogs.hbr.org/cs/2013/04/the_hidden_biases_in_big_data.html

Elahi, Hasan: http://www.trackingtransience.net/, Website, seit 2003.

diverse Autoren zu Big Data: Süddeutsche Zeitung 160/2013, 13./14. Juli, S. 16-17.

Notizen aus dem Datenkritik-Workshop

Marylin Strathern zur "partability" in Gender of the Gift, 1988
Strathern, M., 1988. The Gender of the Gift: Problems With Women and Problems With Society in Melanesia, Berkeley: University of California Press.
Lev Manovich zu "transactional data", 2009
Donald T. Campbell: Assessing the Impact of Planned Social Change, 1976